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Die 70er Lakers gegen die 90er Bulls
Der Vergleich
Als Gail Goodrich und die Lakers in der Saison 1971/72 ihre legendären 69 Siege holten, war Michael Jordan 9 Jahre. Luc Longley gerade 3. Jetzt wollen die Bulls den
Rekord kippen, und das werden sie wohl auch schaffen. Aber, sind sie auch besser? Fragen wir Gail, den Shooting Guard von damals.
Die Zeit hat uns eingeholt, und manche beschleicht dabei ein merkwürdiges Gefühl. Es ist kein Neid, mehr Unverständnis. Verwirrung, und einige Zweifel sind dabei.
Nehmen wir meinen Freund Wilt, Wilt Chamberlain, der erste der legendären Center der Lakers und damals Anfang der '70er unser Zentrum in der Zone. Als ich ihm das
letzte Mal begegnet bin, meinte er angesichts der Hysterie um den möglichen Rekord bei Saisonsiegen: "Niemand kümmerte sich darum, als wir den Rekord aufgestellt
haben, und nun ist es der Big Deal. Warum werden Rekorde immer erst wichtig, wenn jemand sich anschickt, sie zu brechen?"
So ist es halt, mein Freund! Rekorde werden nun einmal aufgestellt, damit sie irgendwann gebrochen werden können. Das ist dann die Story, und sie gilt natürlich auch für
unseren All Time-Rekord von 1971/72.
69 Siege, 13 Niederlagen - DAS WAR UNSERE BILANZ
Damals gewannen wir 69 Spiele, verloren nur 13. Diese Marke erreichten wir fast spielerisch, auf die Statistik und den Rekord haben
wir nie geschielt. Kein Wurf wurde genommen, um der Bestmarke näher zu kommen, wir kannten nur ein Ziel: die Meisterschaft. Den All Time-Rekord für die meisten Siege
in der regulären Saison steckten wir uns ganz nebenbei ein. Trotzdem gab das natürlich Futter für die Medien, ...
... und so ist es auch heute. Nur diesmal sind es die Chicago Bulls, die zur Jagd geschrieben werden, und es ist unser Rekord, der bedroht ist. Ich denke, sie sind in der
Lage, den Rekord zu brechen. Sie dominieren die Liga nun schon seit über fünfzig Spielen, und wenn das Team von Verletzungen verschont bleibt, wird unser Rekord wohl
purzeln. Ein Team, daß so viel Selbstvertrauen besitzt, ist nur sehr schwer zu schlagen, und selbst wenn die Jungs mal ein Match verlieren, bleibt in der Mannschaft alles im
Lot, weil die Einzelspieler einfach zu gut sind, um in eine echte Krise zu rutschen.
DIE ANALYSE
Vergleicht man die Lakers der 70er und die Bulls der 90er, dann fällt auf, daß sich beide Teams sehr ähnlich sind, einige Dinge sind sogar bestechend gleich.
Charakteristika, die unverzichtbar sind für große Teams, die in die Geschichte der NBA eingehen wollen. Wie sagte noch "Magic" Johnson bereits Anfang Februar: "Es ist
wirklich angsteinflößend, wenn man sieht, wie gut die Bulls sind. Sie sind eines der besten Teams aller Zeiten, viel besser als die Championship-Teams aus Chicago der
Jahre 91, 92, 93. Ihr Wille zum Sieg ist einfach viel größer als von jedem anderem Team." Und mit Sicherheit auch ihr Selbstvertrauen, das natürlich nach einem tollen Start
noch stärker wird. Bei uns ist das damals nämlich ähnlich gewesen.
Dazu haben sie mit Scottie Pippen und Michael Jordan zwei Spieler, die ein Spiel ganz alleine entscheiden können. So wie wir in unserer Rekordsaison auch: Es waren
Jerry West, zwölfmaliger All Star und im ominösen Jahr mit einem Punkteschnitt von 25,8 Topschütze, und Wilt Chamberlain, dem vielleicht besten Center aller Zeiten, der
1971/72 für uns 14,8 Punkte und 19,2 Rebounds im Schnitt machte.
Kaum weniger wichtig jedoch sind die Role Player, also Spieler, die zunächst einmal eine bestimmte Aufgabe im Spiel haben und diese gefälligst auch erfüllen sollen. Zum
Beispiel Rebounds holen, wie es Dennis Rodman macht, der vielleicht beste Rebounder der Liga. Oder zumindest der beste Forward, der primär rebounden soll. Bei uns
stand damals Happy Hairston auf der Position des Forwards, auch er war 1971/72 mit einem Schnitt von 13, 1 Rebounds pro Spiel bester Forward der NBA in dieser
Kategorie, und damit ebenso wertvoll für uns wie es Dennis Rodman heute für die Bulls ist.
Völlig unterschiedlich waren wir und sind die Bulls heute im Zentrum besetzt, wir hatten mit Wilt Chamberlain einen dominanten Center, Chicago hat das nicht. Hat das aber
auch nicht nötig! Ihnen reichen die Center Luc Longley, Bill Wennington und James Edwards als Role Player, weil sie ihre Rolle mehr als perfekt erfüllen. Und oft sorgen sie
sogar noch für Druck, wenn sie von der Bank kommen. Jeder der drei Center - und natürlich auch Forward Toni Kukoc - kann noch einmal Feuer nachlegen. So, wie das
damals bei uns auch Nachrücker wie Keith Erickson, Jim Cleamons oder LeRoy Ellis konnten.
DIE FRAGE ALLER FRAGEN
Bleibt also die Frage unbeantwortet, welches Team nun wirklich das beste aller Zeiten ist? Jeder direkte Vergleich wäre auf dem Parkett - mittlerweile sind wir alle immerhin
Mitte fünfzig - ebenso unfair wie auf dem Papier. Das Spiel ist heute ganz anders als früher, die aktuellen Spieler sind alle größer und kräftiger als wir gewesen sind,
vielleicht mit Ausnahme der Center. Außerdem gab es im Gegensatz zu heute kaum Spieler, die sich nur auf das Zerstören in der Defense verlegt haben.
Und in der Offense, da fehlte uns die Drei-Punkte-Linie. Trotzdem schafften wir auch mehr als 120 Punkte, selbst ohne die Hilfe weiterer Bonuspunkte. Bringt das mal,
Michael und Scottie!
Begnügen wir uns doch einfach damit, daß beide Teams die besten ihrer jeweiligen Ära sind.
Und trotzdem, noch liegen wir um eine Nasenlänge vor Michael und seinen Jungs. Weil wir nämlich auch Champion geworden sind, denn der Rekord wird nichts wert sein,
wenn die Bulls nicht auch Meister werden. Das weiß Michael auch, deshalb predigt er unaufhörlich: "Es ist in Ordnung, wenn wir mit ihnen verglichen werden, aber wir
müssen erst noch das erreichen, was sie erreicht haben: Champion werden. Wir haben bisher doch noch gar nichts erreicht, und ich glaube, so müssen wir die Situation
auch angehen."
Falls die Bulls den Rekord schaffen, aber in den Playoffs irgendwann versagen würden, hätten sie ihr Ziel verfehlt. Eines werden sie aber garantiert nicht schaffen: 33 Spiele
in Folge zu gewinnen.So wie wir es taten. Dieser Rekord wird nicht so schnell gebrochen, vielleicht denke ich deswegen lieber daran. Lieber als an die 69 gewonnenen
Spiele.
(aufgezeichnet von Andreas Mayer)
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