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Baby Bulls
Es war Tyson Chandlers und Eddy Currys großer Traum. Das heilige Land. Die NBA. Zwei Monate später hat sie die Realität eingeholt. Und die ist hart!
Text: Steffen Sander
Du mußt deinen Mann stehen in der NBA. Hier ist kein Platz für Weicheier. Kein Platz für Angst. Kein Platz für Kinder! An nichts anderes konnte Eddy Curry vor seinem ersten
Spiel in der stärksten Liga der Welt denken. Also beschloss der Rookie der Bulls, den GM Jerry Krause direkt aus der Highschool gedraftet hatte, sich wie ein Mann zu
benehmen. Nur keine Schwäche zeigen, keine Nervosität! "Geh da raus und sei einfach du selbst", hatte ihm Center Brad Miller doch vorher noch mit auf den Weg
gegeben.
Er selbst sein? Kein Problem. Also tat Curry das, was er in seiner kurzen Basketballkarriere immer getan hatte: den Ball genommen, draufgehalten und - das war neu - einen
Airball produziert. "Was soll's, es kann nur besser werden", dachte sich Curry. Wurde es aber nicht. Minuten später zimmerte ihm Indianas Jermaine O'Neal einen Monsterdunk
über den Schädel. "School's out, Boy. Welcome to the League!"
Willkommen in der NBA!
Als dann der erste Rummel vorbei ist, die Eindrücke von 20.000 brüllenden Zuschauern verdaut und die Fragen der Journalisten beantwortet sind, hockt sich Eddy Curry im
Locker-Room nachdenklich neben Tyson Chandler. Dem anderen der "Baby-Bulls". Ebenfalls frisch von der Schulbank in die NBA gerutscht. Stats-Vergleich. Zwölf Minuten,
zwei Punkte und eins von sechs aus dem Feld für Curry. Sechs Minuten, ein Punkt, null von zwei aus dem Feld, ein Airball und ein technisches Foul für Tyson Chandler. Mager.
Rookie-Stats. Es war nur das erste Spiel, dachten sich die beiden. Damals.
Jetzt, knapp zwei Monate später, wissen sie: Es war nur der Anfang. Jetzt wissen Sie, warum ihnen vor dem Draft alle fünf Minuten ein anderes unbekanntes Gesicht einen
Vortrag darüber gehalten hat, wie gigantisch die Umstellung von der Highschool auf die NBA sei. "Jeder, der denkt, das sei hier ein glamouröses Leben, der sollte noch mal
nachdenken", jammert Tyson Chandler. Die 10,6 Millionen, die der 2,15-Meter-Forward in den nächsten vier Jahren von den Bulls kassiert, kann er nicht genießen. Er hat
einfach keine Zeit dazu.
Beispiel gefällig? An einem spielfreien Tag quälen sich Eddy Curry und Tyson Chandler um 8.30 Uhr aus den Betten. Eigentlich eine faire Zeit. Wenn da nicht die sechs
Stunden Training vom Vortag wären ...
Die erste Übungseinheit am Morgen begint um 10.30 Uhr. Bereits eine Stunde früher lassen sich die beiden Jungs tapen. Würden Sie noch auf dem Tisch liegen, wenn
Veteranen wie Charles Oakley und Greg Anthony auftauchen, müssten sie sich verdrücken. Rookie-Regel. Nach der zwei Stunden dauernden Trainingssession ist Chandler
so ausgelaugt, dass er sich bis zur nächsten Einheit aufs Ohr haut. Kollege Curry verzichtet lieber. "Wenn ich schlafe, dann sind meine Muskeln zu schlaff für das nächste
Training", grummelt der Teenager.
Die zweite Einheit von 17.30 bis 19.30 gibt den beiden Youngstern für gewöhnlich den Rest. Verständlich die gequälten Gesichter, wenn sie gegen Ende der Trainingseinheit
zur Außenlinie spähen und einen grinsenden Bill Cartwright entdecken. Das bedeutet Sonderschichten. Freiwurf- und Schuss-Training, Postup-Drills ... Spätestens um 23 Uhr
kippen Tyson und Eddy todmüde ins Bett.
Um die Umstellung zu erleichtern, haben die Bulls eigens Ex-Center Bill Wennington als Babysitter für die Teens engagiert. Der hat alle Hände voll zu tun, wenn er einen
heimwehkranken Eddy Curry davon abhalten muss, nach dem Spiel kurzerhand in seine über zwei Autostunden entfernte Heimat South Holland zu fahren. Oder Tyson Chandler
die Flausen auszutreiben, sein Geld mit vollen Händen aus dem Fenster zu schmeißen. "Es ist, als müsste ich Kinder erziehen", seufzt der bärtige Kanadier. "Ich musste ihnen
erst mal klarmachen, dass ihnen der ganze Kram in zwei Jahren nicht mehr gefallen wird!"
"Wir können nichts kaputtmachen!"
Bei ihrem größten Problem kann aber auch der gute Bill nur mit den breiten Schultern zucken: Bulls-Coach Tim Floyd lässt die beiden Heißsporne nicht ran. Obwohl die Bulls
von Niederlage zu Niederlage stolpern, sind nicht mehr als knapp zehn Minuten Spielzeit für die Teenies drin. Wenn überhaupt. Es kommt auch vor, dass sie zwei oder drei
Spiele in Folge gar nicht ins Spielgeschehen eingreifen dürfen. Das nagt am Selbstbewusstsein der Highschool-Superstars. "Was soll das?", versteht Curry die Welt nicht
mehr. "Wir verlieren so hoch, da können wir doch nichts mehr kaputtmachen, wenn wir spielen!"
Aber wie sollen die beiden auch verstehen? Coach Floyd steht vor einem Dilemma: Einerseits soll er die beiden Heißsporne zu NBA-Spielern formen, andererseits muss
er so langsam mal ein paar Spiele gewinnen, will er noch eine Zeit lang Coach der Bulls bleiben, die unter ihm die vier schlimmsten Klatschen der Franchise-Geschichte
(53, 47, und zwei mal 45 Punkte-Differenz) kassiert haben. "Ich habe überhaupt keine Verpflichtung, die beiden spielen zu lassen", wehrt sich der Ex-College-Coach. "Ich habe
eine Verpflichtung, Spiele zu gewinnen."
Vielleicht sollte dem Coach mal jemand erklären, dass seine Bulls einfach schlecht sind! Richtig mies. Spiele gewinnen? Iss nich! "Lasst die Jungs doch spielen", meldet
sich Ex-Bull Elton Brand aus dem fernen L.A. zu Wort. "Die Bulls würden doch noch nicht mal gegen Duke gewinnen, also lasst sie lernen. Nur wenn sie spielen, können sie
lernen. Nur so habe ich gelernt."
Garnett, Kobe und Miles konnten es auch
Brand steht mit seiner Meinung nicht allein da. Al Harrington, Jermaine O'Neal, Kevin Garnett und Darius Miles brechen ebenfalls eine Lanze für die Spieler, die wie sie die
Station College einfach übersprungen haben. Miles hat letzte Saison über 26 Minuten pro Partie auf dem Court gestanden. Und wurde von Spiel zu Spiel besser. Kevin Garnett
steigerte als Rookie seine Einsatz-Zeit gar von 17,2 auf über 38 Minuten pro Spiel. Seine Wolves und Miles' Clippers gehörten - ähnlich wie die 2001er Bulls - zu den schlechtesten
Teams der Liga. Ohne jede Chance auf die Playoffs. Für die beiden hieß es also: Learning by doing! Selbst Kobe Bryant bekam bei einer Spitzenmannschaft wie den Lakers
mit 16 Minuten 50 Prozent mehr Spielzeit als die Baby-Bulls.
Den Fans der Bulls geht es ähnlich wie Kobe, Garnett und Co. Bei einer Umfrage der Tageszeitung "Chicago Tribune" sprachen sich 57 Prozent der Befragten dafür aus, dass
Chandler und Curry weit mehr als 20 Minuten pro Partie spielen sollten. Bei Heimspielen dröhnen Curry-und-Chandler-Chöre durch das weite Rund des United Centers, sobald
die Bulls mit zehn Punkten hinten liegen. Also meist schon im ersten Viertel. "Natürlich wollen sie die beiden sehen. Aber sie wollen auch die Bulls siegen sehen", verteidigt
sich Tim Floyd. "Sie wollen, dass wir die Playoffs erreichen. Sie wollen, dass Eddy und Tyson im All-Rookie-First-Team stehen. Aber das wird nicht passieren, nicht in diesem
Jahr!"
Wenn Floyd so weitermacht, dann wird er Erfolge nicht mehr erleben. Jedenfalls nicht als Bulls-Coach. "Ich werde viel mit den beiden reden", hatte er vor der Saison versprochen.
"Selbst wenn sie mal nicht spielen, muss man ihnen zeigen, dass man sie liebt. Dass ist wichtig für 18-Jährige. Mein Gott, das ist selbst für 47-Jährige wichtig."
Leider hat Floyd sein Wort gebrochen. Er lässt die Baby-Bulls förmlich am ausgestreckten Arm verhungern. Auf Erklärungen, warum sie heute zehn Minuten spielen, morgen
keine einzige und übermorgen als Starter auflaufen, warten Chandler und Curry vergebens. "Ich werde keine täglichen Updates über die beiden geben", maulte ein angefressener
Floyd auf einer Pressekonferenz.
Die Teenager lassen sich das erstaunlicherweise nicht nehmen. "Ich habe ihn gefragt, was er eigentlich von mir will", grübelt Small Forward Chandler. "Wenn ich von der Bank
kommen und hart spielen soll, dann ist das okay. Aber ich will wissen, was Sache ist!". Floyds Antwort? "Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich es noch nicht mal sagen", seufzt
der 19-jährige. Und schleicht mit gesenktem Kopf in den Locker-Room ...
Vieles wäre einfacher, wenn dort nicht der schärfste Kritiker der beiden hocken würde. Es ist ausgerechnet einer, der extra verpflichtet wurde, um mit seiner Erfahrung aus 17
NBA-Jahren der Mentor der Stars der Zukunft zu sein. Charles Oakley heißt der Übeltäter, der bis jetzt alles andere getan hat, als Tyson und Eddy zu helfen. "Sie sind nicht
meine Kinder", grummelt "The Oak Tree". "Ich habe ihnen nicht geraten, den harten Weg einzuschlagen."
"Wären sie gut, würden sie auch spielen!"
Man kann den guten Charles auch wieder verstehen. In seiner Karriere hat er erst ein Mal die Playoffs verpasst. Er ist ein Fighter. Einer, der immer gewinnen will. Das ist schwer
mit zwei Teenies. "Wenn die beiden so gut wären, wie jeder behauptet, dann würden sie auch spielen", mault der Haudegen. Geht es nach ihm, spielen die beiden erst mehr,
wenn sie so hart arbeiten wie er als Rookie. "Das bedeutet, eine Stunde früher mit dem Training anzufangen und eine Stunde später aufzuhören."
Aber auch der 38-Jährige muss einsehen, dass nicht Ron Mercer, Brad Miller oder Greg Anthony die Zukunft der Bulls sind. Es sind Tyson Chandler und Eddy Curry. Sie müssen
es sein. Sie werden als die Stars der Zukunft vermarktet. Aber wenn sie nicht bald spielen, wie kann man dann mit ihnen Tickets verkaufen? Fans gewinnen? Hoffnung schaffen?
Schon jetzt wird mit den beiden für Spielübertragungen der Bulls geworben. Aber wenn die Fans den Fernseher anschalten, sitzen die beiden "Stars" auf der Bank. Das machen
die Fans ein Mal mit. Vielleicht auch noch ein zweites Mal. Spätestens beim dritten Versuch fühlen sie sich - völig zu Recht - verarscht.
Die Zeit ist knapp. Es bleibt nur ein Fenster von vier Jahren. So lange laufen die Rookie-Verträge der Baby-Bulls. Wenn sie bis Ende der nächsten Saison nicht im Team
etabliert sind, werden sie darauf drängen, den Bulls den Rücken zu kehren. Dann geht das ganze Neuaufbau-Theater der Nach-Jordan-Ära von vorne los.
Fragt sich, wie lange das die Fans der Bulls noch mitmachen ...
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