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Vergeblicher Griff nach den Sternen

Beim geplanten Wiederaufbau stehen die Chicago Bulls trotz voller Konten mit leeren Händen da

Von Stephan May

Chicago, 16. August. Vor 18 Monaten, nach dem Rücktritt ihres Überfliegers Michael Jordan, kündigten die Chicago Bulls vollmundig den schnellen Wiederaufbau ihres Meisterteams an. Doch nun, zwei Wochen nach Beginn der Zeichnungsphase für die Free Agents, steht in der nordamerikanischen Profiliga NBA das alles beherrschende und weltweit populärste Basketball-Team der neunziger Jahre als der große Verlierer da. Trotz gut gefüllter Konten konnten die Bulls keinen der begehrten Spitzenspieler verpflichten. Nicht nur die erfolgsverwöhnten Fans in Chicago verstehen die Welt nicht mehr. "Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, ich sei nicht enttäuscht", gestand selbst Tim Floyd, der Trainer der Bulls: "Wir wollten den Prozess beschleunigen und haben nach den Sternen gegriffen. Aber wir haben nicht das erreicht, was wir uns zum Ziel gesetzt hatten."
Den Orlando Magic und dem sechsmaligen Meister Chicago Bulls stand bei den derzeitigen Verhandlungen über die Spieler, die einen neuen Klub suchen, das meiste Geld zur Verfügung - rund 20 Millionen Dollar. Grant Hill, Tim Duncan, Tracy McGrady und Eddie Jones wurden auf dem Spielermarkt angeboten, vier hochkarätige Basketballer, die alle in das Konzept der Bulls gepasst hätten. Überraschend aber mussten Klub-Besitzer Jerry Reinsdorf und Manager Jerry Krause feststellen, wie schnell Ruhm und Ehre verfliegen. Der Name Bulls zieht bei den Spielern nicht mehr.

Höflichkeitsbesuch

Die regelrechte Abfuhr handelten sich die beiden Klub-Vertreter bei Tim Duncan ein, der nicht einmal in Erwägung gezogen hatte, einer Einladung nach Chicago zu folgen. Wie Schulbuben müssen sie sich vorgekommen sein, als Grant Hill einem Gespräch nur unter der Vorraussetzung zustimmte, dass die Bulls-Verantwortlichen nach Detroit reisten. Ihre Stimmung besserte sich, als der 21-jährige Tracy McGrady ihrer Einladung nachkam. Aber der Jungstar hatte erfahren, dass er nur Nummer drei der Bulls-Wunschliste sei und betrachtete den Ausflug als reinen Höflichkeitsbesuch. Blieben noch Eddie Jones von den Charlotte Hornets und hoffnungsvolle Talente wie Tim Thomas von den Milwaukee Bucks oder Ron Mercer von Orlando Magic. Aber Jones und Thomas nutzten die Finanzreserven der Bulls eiskalt, um ihren Preis bei anderen Vereinen hochzuschrauben. Für den stolzen Klub war diese Erfahrung nach den verzweifelten Millionen-Attacken der härteste Rückschlag. Dass die Verpflichtung von Ron Mercer gelang (27 Millionen Dollar für vier Jahre), wurde in der Baketball-Branche nur als "kleiner Fischzug" gewertet. Dagegen feierte die Disney-Stadt Orlando einen großartigen Triumph. Denn NBA-Konkurrent Orlando Magic hatte Hill und McGrady an Land gezogen, immerhin zwei der drei dicksten Fische. Duncan hingegen versetzte San Antonio in einen Freudentaumel, weil er sich entschloss, den dortigen Spurs treu zu bleiben.
So stellte sich die Frage: Was läuft falsch in Chicago? Trotz der sechs Meisterschaften hatten sich die Bosse der Bulls durch ihr brutales Geschäftsgebaren bei Trainer Phil Jackson sowie den Superstars Michael Jordan und Scottie Pippen unbeliebt gemacht. So etwas vergisst man im Geschäftszweig Basketball nicht. "Die Bulls hatten über ein Jahrzehnt großartige Teams, ihre Spiele waren ausverkauft und sie gewannen", sagte ein NBA-Insider, der nicht genannt werden wollte. "Aber sie haben sich nicht um ihre Spieler gekümmert, und das ist das Resultat. Glaubt mir, keiner hat Mitleid mit Jerry Krause."

Lange Schatten

Die populärsten Spieler überlegen sich zudem sehr genau, ob sie sich im Zuge eines Neuaufbaus dem Erfolgsdruck in Chicago aussetzen wollen. Denn dort werden die Lichgestalten Jordan und Pippen noch lange ihre Schatten werfen. Eine Tatsache, welche die durch sechs NBA-Titel in acht Jahren verwöhnte Bulls-Organisation offensichtlich nicht wahrhaben will.
Es liegt wohl in der Natur der beiden erfolgsbesessenen "Jerrys", Besitzer Jerry Reinsdorf und Manager Jerry Krause, auch die Geschichte zu ignorieren. Die Boston Celtics beherrschten die sechziger Jahre und konnten Anfang der achtziger Jahre noch einmal an die Erfolge anknüpfen. Seitdem bemühen sie sich verzweifelt, wieder Anschluss an die NBA-Spitze zu finden. Durch den Meisterschaftsgewinn 2000 ist beinahe vergessen, wie lange die Los Angeles Lakers, dominierend in den achtziger Jahren, auf einen weiteren Titel warten mussten: zwölf Jahre. Betrachtet man den Absturz ins Bodenlose in der Nach-Jordan-Ära (30 Siege in 132 Spielen) und das diesjährige Free-Agents-Debakel, dann ist das eine realistische Zeitspanne für den Wiederaufbau der einst glorreichen Dynastie.

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